Wednesday, 23 July 2014

Wenn Geschichten erzählt werden

„Schreib es doch einfach nieder!“ Wild gestikulierend stand meine Schwester in der Mitte des Raumes und warf mit Worten um sich. „Das nützt doch nichts, wenn du es in dich hineinfrisst, das muss alles raus, raus, raus!“ Und so begann der vierte Sonntag in Folge. Warum ich mich jedes Mal bemühte, den Zug, den Bus, und schliesslich das Fahrrad zu nehmen, um mich jede Woche aufs Neue in dieses Kaff zu begeben, war mir immer noch ein Rätsel. Vielleicht wollte ich Teil dieses Dramas sein. Freiwillig. Meine Mutter setzte ihr Stricken fort, und ihre messerscharfen Nadeln untermalten das generelle Tohuwabohu mit einem metallenen Rhythmus.

Unsere kleine Schwester Michelle hält sich aus der Geschichte raus. Mit ihrem Freigang donnerstags jede zweite Woche können wir nicht gross auf sie zählen. Aber die Sache war ja noch neu, und mein Vater hat noch genügen Zeit, sich hinzusetzen und mit dem erzählen anzufangen. „Dann gibt es noch unvorhergesehene Arztbesuche, Termine mit der Gemeinde und der Kirche, etc. etc. und bevor wir uns gewahr sind, ist der Tag gekommen“, stürmte meine Schwester weiter. Mein Vater sah dem ganzen gelassen entgegen. „Nein, nein, ich habe noch so viel Zeit, da kann man zwei Mal den Globus umkreisen.“ „Mit Tante Ju, einem Heissluftballon, oder schwimmend und zu Fuss?“ wollte meine Schwester wissen. Ich denke, Zeit lässt sich wunderbar strecken, wenn man auf nichts wartet. Als wir Kinder waren, und unsere Geschenke vom Christkind mitgebracht wurden und nicht zwei Tage vor Heilig Abend unter grösstem Stress und Sicherheitsvorkehrungen ergattert wurden, war Zeit wie eine Bombe, die einfach nicht hochgehen wollte. Die Adventszeit schlich dahin, jede Stunde und jede Minute wurde zur Tortur, wie Gewichte an beiden Armen, die uns verlangsamte / Zwang, langsamer zu gehen. An diesem Sonntag wurde mir bewusst, dass mein Vater nicht genug Zeit haben wird, bis Weihnachten kommt. Wenn wir die Augen zu lange schliessen, werden wir die Wochen verpassen.

„Das hat doch alles gar kein Sinn“, maulte mein Vater, und meine Mutter warf ein kleines „Sch!“ dazwischen. Die Volksmusik im Ersten hatte begonnen. „Es gibt nichts, das ich nicht schon erzählt hätte.“ „Dann lass dir etwas einfallen.“ Und die Gestik und Mimik ging weiter. „Erzähl uns eine Geschichte, die du immer schon geträumt hast! Etwas spannendes Unreales.“ Meine Mutter unterbrach ihren Rhythmus und nahm einen Schluck kalten Tee. Mein Vater sah die Dringlichkeit, die von meiner Schwester ausging, nicht ein. „Ich wurde geboren, dann ging ich zur Schule, dann hab ich eure Mutter kennengelernt, dann haben wir geheiratet, und nun sind wir hier und damit Ende der Fahnenstange!“ Abrupt stand mein Vater auf und ging aus dem Zimmer. Es waren erst vier Wochen vergangen, und man sah ihm seine Gebrechlichkeit noch nicht an.

Meine Schwester war noch nie gut darin, ein Thema fallen zu lassen. „Warum öffnet er seinen Mund nicht, oder nimmt einen Stift in die Hand, soviel Kraft hat er wohl noch.“ Tadeln konnte sie hingegen gut. Seit Kindheitstagen war zwei und zwei für sie fünf, und Gott höchstpersönlich könnte von seinem Thron im Himmel herabsteigen und ihr „Vier“ ins Gesicht hauchen, glauben würde sie es immer noch nicht. Warum sie diese ganze Sache so aufregte, war mir ein Rätsel. Wollte sie nicht das Haus? Wollte sie nicht anbauen für Kind und Kegel? Oder hatte sie plötzlich Nässe unter den Achseln, da sie Angst hatte, Michelle könne doch noch alles Geld einheimsen. Tja, die Jüngste wird immer am Meisten geliebt. Ich als sogenanntes „Sandwich“-Kind habe nichts zu bemerken. Wir sind eine Rasse, die von oben gehänselt und geneckt und von unten mit Liebe fast erdrückt wird. Dabei hassen wir insgeheim beide Seiten. „Hat es noch Tee?“ fragte meine Mutter, und so stand ich auf, ging in die Küche, und lies meine Schwester weiter auf ihrem imaginären Geldhaufen tänzeln.

Unten am Tisch sass mein Vater, mit der Sonntagszeitung aufgeschlagen vor ihm. Normalerweise sitzt er oben am Tisch, mit seinen Augen auf die Türe gerichtet, um potenzielle Hausierer und Leute „die über Gott und die Welt“ sprechen möchten, schon von weit her zu sehen. An diesem vierten Sonntag sass er jedoch mit dem Rücken zur Welt und tat so, als ob ihn das alles nicht interessieren würde. Manchmal lehnte er sich gegen hinten an die Wand, schloss seine Augen und atmete durch den Mund. Wenn man dann das Zimmer betrat, öffnete er schnell die Augen und tat so, als ob er die Decke inspizierte. Seine Augen blieben an diesem Sonntag starr auf ein Wort der Zeitung gerichtet, ohne sich zu bewegen. Wer weiss, ob es ihm „Wirtschaft“, „sondern“ oder „Vierwaldstättersee“ angetan haben. Das Gekrächze im Wohnzimmer wollte einfach nicht aufhören, obwohl meine Schwester ihre zwei Bengel daheim gelassen hatte. Ich fragte mich, ob ihn seit vier Wochen nichts anderes mehr interessierte als „Vierwaldstättersee“, ob er jeden Tag so da sass und seinen Blick nicht nach rechts und links schweifte, sondern starr nach vorne, als ob jeden Moment Hades aus der Unterwelt aus der Zeitung empor steigen würde, ihn am Kragen packen und mitnehmen würde. „Weisst du“, sagte er leise, „auch wenn die Augen schwächer werden und die Brille mir viele weitere Jahre mit der Zeitung geschenkt hat, die Ohren, die hören noch gut. Die hören so viele Zwischentöne und hohe Frequenzen, dass es manchmal schmerzt.“

Da vergass ich den Tee für meine Mutter und setzte mich an den Küchentisch. „Ich war noch nie die Art von Mensch, die etwas von sich gab“, fuhr er weiter. „Ich war immer ein dankbarer Publikumsgänger. Jemand, der klatschte, wenn andere den Kopf schüttelten. Jemand, der nickte, wenn andere aufstanden und empört den Saal verliessen. Ich war ein dankbares Publikum. Wenn ich da war, brauchte man nur mich, und niemanden sonst. Aber selber etwas produzieren…nein danke!“ Er blätterte eine Seite weiter. „Du musst nicht lügen“, sagte ich zu ihm, „du musst keine Geschichten erfinden. Du darfst so sein, wie du bist.“ „Ich durfte so sein, wie ich war, meinst du“, sagte mein Vater, und verzog seine grossen Lippen zu einem verschmitzten Lachen, das vor Ironie und Angst bebte.

Wenn Geschichten erzählt werden, passiert dies meist in der Vergangenheitsform. Das Präsens gibt dem Ganzen einen Hauch von Hetze, lässt alles leben und erquicken. Ein Thriller oder ein Komödie wird im Präsens geschrieben. Das Präteritum und das Perfekt geben einer Geschichte eine Grazie, die vor Anmut und Glaubwürdigkeit sprüht. Daher schreiben Journalisten nie im Präteritum und Max Frischs Prosa wurde nie im Präsens gedruckt. Was mein Vater mit der Negation meiner Aussage verbessern wollte, war die Hetze aus meiner Aussage zu streichen. Sein Leben war nie ein Thriller gewesen und würde auch in den nächsten paar Monaten nicht zu einer Komödie gewandelt. Mit seiner Vergangenheitsformel wollte er bestätigen, dass er das zweite Tagebuch Max Frischs war. Eine Geschichte, die vom Krieg gezeichnet war, und dieser Krieg hatte nichts mit fremden Streitkräften zu tun. Es ist ein innerer Krieg der wütet, bis eines Tages der Herr Doktor zwei Sätze an uns, und einen Dritten an unseren Fürsorger wendet. Was nachher kommt, ist das Präteritum.

„Ich gehe jetzt.“ Meine Schwester hatte ihren schicken Mantel schon umgeworfen, als sie die Küche betrat. „Überleg es dir“, sagte sie und drückte Papa einen Kuss auf die Backe. „Bis nächste Woche kannst du dir ein Thema für das erste Kapitel ausdenken. Tschüss.“ Und weg war sie. Da kam meine Mutter in die Küche. „Danke für den Tee.“ „Entschuldige“, sagte ich und gab ihr die kalte Teetasse. „Ein Glück, dass du nicht so viel Energie hast und deine kleine Schwester nicht kommt, sonst müssten wir uns jeden Sonntag bei unseren Nachbarn für das Getrampel entschuldigen.“ Und weg war sie. Ich betrachtete meinen Vater aus meinem Augenwinkel. Er hatte sich schon wieder den „Bazillen“ zugewandt. „Ich mach mich langsam auch auf den Weg.“ „Brauchst du noch Geld für die Rückfahrt?“ fragte er und zückte sein Portemonnaie.

In unserer Familie schickt es sich nicht, einfach zu gehen. Man sagt Adieu! und schüttelt allen die Hand, als Zeichen für ein baldiges Wiedersehen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mein Papa nie wieder meine Hand schütteln wollte. Dann müsste er nie wieder „Au revoir“ sagen. So pflanzte ich einen leichten Kuss auf sein Haupt, nahm meine Tasche und Jacke, verabschiedete mich mit einem „Auf Wiedersehen“ von meiner Mutter, und verliess das Haus. Meine kalten Hände versteckte ich in Handschuhen, die ich von Michelle auf Weihnacht letzten Jahres bekam. Ich bestieg mein Fahrrad, meinen Bus und meinen Zug, um nächste Woche die gleiche Wanderung einmal mehr zurück zu legen. Falls ich Glück hätte, würde ich bis dahin bereits ein oder zwei Worte über den Fall online lesen können, auf einer Plattform für Wissenschaftler und Spezialisten. „Extra, extra, read all about it!“ würden sie in Hörsälen, über Lautsprechern und von den Dächern rufen um die Daten für Konferenzen und Tagungen zum speziellen Fall zu verkünden. Was für eine sonderbare Art, an meine Familie erinnert zu werden.

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