An alle, die Augen zum Lesen und einen Verstand zum Gebrauchen haben: Ich habe mich jahrelang durchs Leben geschlängelt, von einer katastrophalen Entscheidung zur nächsten. Da seid ihr daneben gestanden und habt nichts gesagt. Ihr liesset mich ins Verderben laufen. Nun – da ich tot bin – erhebt ihr empört eure Stimmen und kreuzigt mich mit rostigen Nägeln. Jeder von uns trägt Eigenverantwortung, und erst im Tod nehme ich sie war.
Ihr seid nur enttäuscht, da
ihr euch alleine in eurer Trauer und Wut um mich wiederfindet, so wie ich das
mein ganzes Leben lang gemacht habe. Aber nein, ich will nicht, dass meine
Worte euch den Schlaf rauben. Dafür bin ich zu nichtig. Ich will, dass ihr
aufsteht, in die Welt hinausgeht und genauso verschlossen und blind euer und
eurer Mitmenschen Gefühle, Ambitionen und Moralen gegenüber seid. Vergesst,
dass ich mich gekannt habt, meinen Ideen gelauscht habt, über sie gelacht habt,
sie niedergetrampelt und zunichte gemacht habt.
Während sie lebendig waren,
da, ja, da hat man kein gutes Wort über sie verloren, und nun – da ich tot bin
– wollt ihr dies ändern? Nein, meine Lieben, ändert nun nicht eure Streifen,
der Tiger im Busch macht es auch nicht. Daher wird es euch einfach fallen, mich
auch im Tode zu hassen. Das ist unfair. Denn über die Toten spricht man nicht
schlecht.
Ich habe euch nie geliebt,
euch immer nur als notwendiges Übel betrachtet, um weniger allein zu sein. Doch
wo die Angst sitzt ist kein Platz für Nettigkeit. Mein Herz war seit
Kindheitstagen von Schuld und Reue geplagt, da versteht es sich nicht, Mensch
zu sein.
Vielleicht jedoch sind es
genau diese Charaktereigenschaften, die das Menschsein ausmachen. Dann wär ich
doch der fabelhafteste Mensch, der die Welt je gesehen hätte!
So hebet all eure elenden
Nasen gen Himmel und blickt eurem eigenen Ableben entgegen. Es naht mit stolzen
Schritten. Es lässt sich nicht verscheuchen.“
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